Stummfilm mit Live-Musik:

"Metropolis"

Kino wie vor 100 Jahren auf dem Camposanto (Foto: Julia Heinrich)

Fr | 16.08.2024 | 21 Uhr

Einlass 20 Uhr

Metropolis, Stadt aller Städte einer fernen Utopie, ist in zwei Klassen geteilt: An der Erdoberfläche pulsiert das Leben, amüsiert sich die High Society in Wolkenkratzern und paradiesischen Gärten, während ein Arbeitervolk an unmenschlichen Maschinen geknechtet tief unter der Erdoberfläche in nummerierten Wohnkasernen schmachtet. Maria predigt ihnen in tiefen Katakomben eine bessere Zukunft. Freder, Sohn des Monopolisten Fredersen, des Herrn von Metropolis, verliebt sich in Maria und schließt sich geistig den Arbeitern an. Der Erfinder Rotwang versucht seine an Fredersen verlorene und verstorbene Geliebte als Roboter wiederzuerschaffen. Auf Fredersens Befehl wird daraus jedoch eine zweite Maria. Diese zettelt die überfällige Revolution an, welche apokalyptische Ausmaße annimmt.

Über kaum einen Film ist so viel geschrieben und bemerkt worden, wie über Metropolis. Fassen wir kurz zusammen: Stilbildend in Architektur und Ausstattung für fast jeden Science Fiction-Film, der je über die Leinwand flimmerte. Ungebrochen faszinierend für Filmemacher und Kinogänger bis heute, tricktechnisch brillant und inszenatorisch umwerfend. Der Film markierte als bis dato teuerste Materialschlacht des deutschen Films einen unbestrittenen Höhepunkt technischer Perfektion und führte zusammen mit F. W. Murnaus Faust (1926) die Ufa fast zum Ruin.

Doch an der Fabel nehmen Kritiker seit der Premiere 1927 permanent Anstoß, auch wenn sie heute wieder ungeahnt real ist. Metropolis steht an der Wende des expressionistischen Weimarer Kinos zum Film der Neuen Sachlichkeit. Was mit Das Cabinet des Dr. Caligari (Robert Wiene, 1919) als Formexperiment seinen Anfang nahm, verselbstständigte sich in Kulissen und Schauspielführung in den bekannten Meisterwerken wie Der Golem. Wie er in die Welt kam (Paul Wegener, 1920), Nosferatu (F. W. Murnau, 1922) oder, abgewandelt, in Fritz Langs beiden Nibelungen-Filmen (1923/24). Metropolis greift schließlich als einer der wenigen Filme neben dem bildlichen Expressionismus und dem der Romantik verpflichteten Inhalten (wie der Erschaffung eines faustischen Homunculus) auch Elemente der expressionistischen Literatur auf. Die Verdinglichung von Menschen und die Vermenschlichung von Dingen sind ein zentrales Thema des Films und seiner Inszenierung und, wie bei Kafka des Öfteren, steht im Mittelpunkt ein Vater-Sohn-Konflikt. Überhaupt verbindet der Film in einem eigenwilligen Panoptikum nahezu jede in den 1920er Jahren auffindbare Kunst- und Denkströmung. Thea von Harbou „hatte eine für sie glückliche Mischung von Aufgeschlossenheit und Spürsinn für alle Unterströmungen der Zeit (…), sie gab auch ohne viel Nachdenkens alles weiter, woran sich ihre Phantasie gerade erhitzt hatte. So schleppte auch „Metropolis“ viel unterirdisches Geröll mit sich, das gleichsam ungesiebt über die Schwelle des Bewusstseins getreten war.“ (Siegfried Kracauer). Die Fabel verbindet in eine Welt des Klassenkampfes grundlegende Gegensätze, sieht Hexenverbrennung als ein Element der Zukunft, beschwört biblische Bilder der Apokalypse nebst Mythen der Antike herauf und setzt dagegen modernste elektronische Technik in mittelalterliche Quacksalberlaboratorien inmitten einer futuristischen Mega-City und benennt die heidnische Totengöttin Hel als Ursache aller Konflikte.

Schließlich ist Metropolis kein reiner Science Fiction, dass zeigt besonders die seit 2010 vorliegende Lang-Fassung. Vielmehr handelt es sich um ein komplexes Melodram um Macht, Liebe und Wahn, dessen Ausgedehntheit den Verleihern im Wege war.

Bilder zur Verfügung gestellt von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung.

Ein Film aus dem Bestand der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung (www.murnau-stiftung.de) in Wiesbaden.

D 1926, restauriert 2001/2010
Regie: Fritz Lang
Buch: Thea v. Harbou, Fritz Lang
Kamera: Karl Freund, Günther Rittau
Bauten: Otto Hunte, Erich Kettelhut, Karl Vollbrecht
Kostüme: Aenne Willkomm
Darsteller: Gustav Fröhlich, Brigitte Helm, Alfred Abel, Rudolf Klein-Rogge, Fritz Rasp, Heinrich George, Theodor Loos
Länge: 145 min

2010 digital restaurierte Fassung
Richard Siedhoff begleitet den Filmklassiker mit seiner 2012 komponierten Musik live.

18,00 € / 13,00 € ermäßigt**
zzgl. Vorverkaufsgebühr

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** Ermäßigt sind alle Kinder und Jugendlichen bis 18 Jahre sowie Auszubildende und Studierende.

Stummfilmpianist Richard Siedhoff:

Die stummen Filmklassiker begleitet der Weimarer Stummfilmpianist Richard Siedhoff live mit seiner eigens entstandenen Musik, einer Mischung aus passgenauer Komposition und Improvisation. Er begleitet seit 2008 regelmäßig Stummfilme am Klavier und schöpft inzwischen aus einem Repertoire von über 200 Spiel- und Kurzfilme aller Genres, für die er komponiert und improvisiert. Siedhoff gastiert regelmäßig im Filmmuseum München und auf den Internationalen Stummfilmtagen Bonn und spielt regelmäßig die Kinoorgel im Grassi Museum Leipzig.

Richard Siedhof (Foto: Birgit Schikora-Keßler)